[Übersetzungsvorlage] [Wie helfen?] [Papierfassung] [Addenda]
Briefebund.de 2002-08München 2000/115 InitiativenBasisvorschlag 2000/08

Appell an die Bundesregierung

Die Bundesregierung setzt sich in Brüssel für die Legalisierung von Logikpatenten ein, die sie selbst verletzt. Sie hat bislang keinen Standpunkt zum Brüsseler Softwarepatent-Richtlinienentwurf veröffentlicht. Während im Bundestag und in den Ministerien insgesamt Skepsis vorherrscht, drängt das federführende Patentreferat im Bundesministerium der Justiz (BMJ) den Rat der Europäischen Union (REU) zur Verabschiedung eines "Kompromisses" zwischen dem Kommissions-Entwurf und den noch weiter gehenden Wünschen der Patentämter und ihrer Beiräte aus Großkonzern-Patentjuristen. Demnach soll nicht erst die Ausführung sondern bereits die Veröffentlichung eines eigenständig entwickelten Computerprogramms strafbar werden. Dabei ignoriert die Bundesregierung alle Studien und Diskussionen der letzten Jahre, einschließlich der von der Bundesregierung selbst in Auftrag gegebenen. Die Unterzeichner richten vier Forderungen an die Bundesregierung.
Bundeskanzler Gerhard Schröder:
Bundeskanzleramt

10557 Berlin, Willy-Brandt-Str. 1

Bundesministerium der Justiz:
Patentreferat: Dr. Dietrich Welp, Dr. Raimund Lutz, Dr. Elmar Hucko

10117 Berlin
Jerusalemer Str. 27

Bundeswirtschaftsminister Werner Müller:
Parlamentarische Staatssekretäre: Dr. Alfred Tacke: Dr. Axel Gerlach

Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

10115 Berlin, Scharnhorststraße 34-37

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn:
Parlamentarischer Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen

Bundesministerium für Bildung und Forschung, Hannoversche Straße 30, 10115 Berlin

Abgeordnete des Deutschen Bundestages:
11011 Berlin, Unter den Linden 50

Vor allem der Rechtsausschuss des Bundestages wird mit dem Fall befasst sein. Eigentlich geht es aber nicht um rechtstechnische Details, und die Ausschüsse für Wirtschaftspolitik und Neue Medien sollten sich für zuständig erklären.

Die Bundesregierung setzt sich derzeit in der Europäischen Union für die Patentierbarkeit grundlegender Regeln des Denkens, Rechnens und Organisierens ein. Zugleich bedient sich die Bundesregierung auf ihren Webseiten selbst einiger der über 30000 Organisations- und Rechenregeln, auf die das Europäische Patentamt bislang gegen den Buchstaben und Geist der geltenden Gesetze Patente erteilt hat.

Im Zusammenhang der aktuellen Diskussion über den Vorschlag der Europäischen Kommission zur Patentierbarkeit computer-implementierter Organisations- und Rechenregeln vom 20. Februar 2002 fordern wir von der Bundesregierung folgendes:

  1. Die Bundesregierung sollte darüber Rechenschaft ablegen, welche patentierten Organisations- und Rechenregeln sie auf ihren Web-Seiten verwendet, ob sie die Patente für rechtmäßig hält und welche Lizenzen sie dafür gegebenenfalls erworben hat. Ferner sollte sie klären, zu welchen Konditionen Normalbürger, insbesondere solche, die selbst geschriebene oder frei verfügbare Software einsetzen, in den Genuss ähnlicher Lizenzen kommen können.
  2. Die Bundesregierung sollte ihre Position zum rechtlichen Status von Logikpatenten anhand von Beispielpatenten klar stellen. Erst wenn es eine deutsche Position gibt, kann das BMJ diese Position im Rat der Europäischen Union vertreten. Zwischen nicht vorhandenen Positionen gibt es auch nichts zu harmonisieren. Auch die Opposition sollte sich ihrer Verantwortung stellen. Aus den bisherigen Äußerungen beider Seiten spricht kaum mehr als die hohe Kunst des delphischen Orakels.
  3. Wir haben zum Logikpatent-Richtlinienvorschlag der Europäischen Kommission einen umfassenden Gegenvorschlag ausgearbeitet. Zahlreiche angesehene Personen und Organisationen der Software-Branche unterstützen diesen Gegenvorschlag. 125000 Unterzeichner und 400 Firmen unterstützen eine Petition in ähnlichem Sinne. Wir schlagen vor, dass die Bundesregierung sich unseren Gegenvorschlag vorläufig zu eigen macht oder zumindest so lange in Brüssel als dialektischen Gegenpol ins Gespräch bringt, wie sie keine eigene ebenso klare und begründete Position eingenommen hat.
  4. Die Position der Bundesregierung und des Bundestages muss von Leuten erarbeitet werden, die verstehen, wie Software-Entwicklung funktioniert. Juristisches Fachwissen allein genügt nicht. Im Europäischen Ministerrat sollten Personen für unser Land sprechen, die in unserer Software-Fachwelt Ansehen als Experten in Fragen der Software-Ökonomie und des optimalen Schutzumfangs für Software-Schöpfungen genießen und denen man zutrauen kann, dass sie die vom Bundestag und der Bundesregierung erarbeiteten Positionen kraftvoll vertreten.

Bisherige Briefe und Appelle aus unserem Kreis an die Bundesregierung in dieser Sache wurden an das BMJ-Patentreferat weitergeleitet und dann nicht beantwortet. Selbst ein offener Brief von MdB Tauss an die Bundesjustizministerin wurde, soweit uns bekannt, nicht beantwortet. Wir hoffen diesmal auf eine Antwort von Politikern, die die zentrale ordnungspolitische Bedeutung der zur Diskussion stehenden Frage erkannt haben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Hartmut Pilch (Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur e.V.) RA Jürgen Siepmann und Daniel Riek (Linux-Verband LiVe e.V.) Oliver Zendel (Linuxtag e.V.) Georg Greve (Präsident, Free Software Foundation Europe) Axel Schudak, Arne Brand und Boris Piwinger (Virtueller Ortsverein der SPD) Dr. Frank Dittmann (Gesellschaft für Kybernetik e.V.) Christian Lademann (stellvertretender Vorsitzender, German Unix User Group) Prof. Dr. Clemens Cap (Informatik, Uni Rostock) Markus DeWendt (Geschäftsführer, Open Logic Systems) Dr. Peter Gerwinski (G-N-U GmbH, Geschäftsführer) Prof. Dr. iur. Christian Gizewski (Technische Universität Berlin, Aktion gegen Öffentliche Sprachregelungen und Kommunikationserschwernisse) Stefan Englert (Gesellschaft für Informatik und Produktionstechnik mbH, Geschäftsführer) Günter Fuchs (Geschäftsführer, Internet Service Fuchs KEG) Kurt Jaeger (Oberon.net GmbH und LF.net GmbH, Stuttgart, Geschäftsführer) Thorsten Lemke (Lemke Software GmbH, Gründer und Besitzer) Stephan Körner (Geschäftsführer, Pilum Technology GmbH) Walter Lückemann (Geschäftsführer, TiboSoft GmbH) Dr. Karl-Friedrich Lenz (Professor (kyôju) für Deutsches und Europäisches Recht, Univ. Aoyama Gakuin, Japan) Stephan Nobis (Geschäftsführer, ESN GmbH) Prof. on. Siegfried Piotrowski (Europa-Klub e.V.) Stefan Pollmeier (ESR Pollmeier GmbH, Geschäftsführer) Bernhard Reiter (Intevation GmbH) Matthias Schlegel (Vorstand, Phaidros AG) dynamische Unterzeichnerliste (insgesamt 12926 Personen)
?!?Wie Sie helfen können, die Patentinflation zu bekämpfen
?!?elektronisch unterzeichnen
?!?Die PDF-Version dieses Dokumentes, eventuell zusammen mit weiteren Dokumenten (z.B. dem Telepolis-Bericht und der PDF-Version des Aufrufs zum Handeln) ausdrucken und zusammen mit einem eigenen auf Papier geschriebenen Brief an einen oder mehrere der genannten Adressaten senden.
In Ihrem Brief sollten Sie vor allem Fragen stellen. Sofern Sie darüber hinaus die Eindringlichkeit unserer Forderungen unterstreichen wolllen, helfen eigene Erfahrungsberichte mehr als abstrakte Aussagen.

Senden Sie auch uns Ihren Text! Am besten drucken Sie schon vorher die Papiere aus, und beschriften und frankieren den Umschlag. Wir wollen diejenigen Texte sammeln (und bei Bedarf auch polieren helfen), die auch tatsächlich in Papierform abgesandt werden.

Lassen Sie sich nicht entmutigen. Auch eine fehlende Antwort (wie etwa die von Däubler-Gmelin gegenüber Tauss) ist eine Antwort.

?!?Patentverletzungen der Bundesregierung dokumentieren.
  1. Suchen Sie in dem Minenfeld und beschreiben Sie einzelne Patente in ähnlicher Weise, wie wir es in unserer Beispielsammlung tun. Schicken Sie uns eine Beschreibung in Form eines schlichten Textes.
  2. Untersuchen Sie ein paar Web-Angebote der Bundesregierung auf Verletzung der oben aufgelisteten Patente hin.
  3. Schreiben Sie an die Bundesregierung (s.o.) und verlangen Sie weitere Auskünfte.
  4. Helfen Sie uns, einen öffentlichen Wettbewerb zu diesem Thema zu organisieren!
[ Briefe und Appelle gegen die Patentinflation → Appell an die Bundesregierung | 2001/01: Brief an das BMJ | Offener Brief: 5 Gesetzesinitiativen zum Schutz der Informatischen Innovation | Eur. Patentamt begehrt grenzenlose Patentierbarkeit ]
Gültiges HTML 4.01!
http://swpat.ffii.de/briefe/bund028/index.de.html
© 2003/12/23 Arbeitsgruppe