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Rat 2004-05-18: Eine unqualifizierte Mehrheit
Tag der Bananen-Union

Die Moderatoren der Sitzung des Rates für Wettbewerbsfähigkeit drängten die Teilnehmer dazu, den Vorschlag anzunehmen, und zwar durch Täuschung, Druck und Überrumpelungstaktiken. Das macht es fragwürdig, ob überhaupt eine gültige Mehrheit erreicht wurde. Mit Sicherheit kann jedoch gesagt werden, dass nur eine Minderheit der Regierungen wirklich mit dem übereinstimmte, was verhandelt wurde. Einige Regierungen wurden jedoch von ihren Verhandlungsführern falsch repräsentiert, indem diese Ministeriums-interne Vereinbarungen brachen oder sich sogar über Anweisungen ihrer Vorgesetzten hinweg setzten.
Täuschungsmanöver, um andere Länder für Bolkesteins Position zu gewinnen, Bruch Ministeriums-interner Vereinbarungen, Bundestagsmitglieder aus Regierungskoalition und Opposition protestieren gegen Ausschluß und Irreführung.

Führende Politiker beider Regierungsparteine (SPD und Grüne) verurteilen das Verhalten der deutschen Regierungs-Vertreter und weisen darauf hin, dass diese Versprechen gebrochen hätten, die einer Arbeitsgruppe der Koalition gegeben worden seien.

siehe Jörg Tauss 2004-06-02: Offener Brief an Brigitte Zypries

The opposing Liberal Democratic Party (FDP) has submitted a motion to the Parliament which calls on the governmening coalition to withdraw support from the Council's "compromise" and instead fully support the European Parliament's amendments of September 2003. On July 15 the Ministery of Economics started an industry survey on software patents with the explicit intention of revising the government's policy and a clear tendency of deviating from previous governmental Patent Newspeak. On August 5, the mayor of Munich, also a social democrat, called on the government to withdraw its support from the Council Agreement. Further calls came from Deutsche Bank and the prestigious Institute for World Economic Studies in Kiel. It is to be expected that the governing coalition will try to gain control over the patent officials in its Ministry of Justice who have in recent years been holding the will of the coalition in contempt at many junctures.

Das Ministerium des Premierministers hatte das Außenministerium in einem späten Faxschreiben angewiesen, gegen den Vorschlag zu stimmen, es sei denn der deutsche Artikel 2b werde angenommen. Der Vertreter im Rat, Gottfried Péter, erklärte dennoch seine Unterstützung für den Vorschlag und stimmte nicht dagegen.

Der ungarische Vertreter erklärte später, dass sie die Anweisungen wegen eines kaputten Faxgerätes nicht erhalten hätten. In späteren öffentlichen Debatten behauptete die Regierung, dass der Rats-Vorschlag in Ordnung sei, und zwar wegen des Artikels 4a (Neuinterpretation von Artikel 52 EPÜ, die nur eng begrenzte Software-Ansprüche verbietet, aber weit gefasste zulässt). Für die Regierung arbeitet der Präsident des ungarischen Patentamtes an diesem Dossier.

Der Vertreter wurde beauftrag, den deutschen Änderungsantrag 2b zu unterstützen, konnte aber seine Stimme nicht abgegeben, da angeblich die Mehrheit bereits erreicht wurde. Später erklärte er, dass Polen sich enthalten wollte.
Der Minister war nicht anwesend, der Diplomat wusste nicht, was er tun sollte, seltsamer Dialog:

Irischer Vorsitzender:
Belgien: Enthaltung.

Und Dänemark? Kann ich bitte Dänemark hören?

Dänemark:
Ich möchte gerne die Kommission fragen, warum sie den letzten Satz nicht akzeptieren konnten, den die Italiener vorgeschlagen haben, der im ursprünglichen deutschen Vorschlag war?
Irland:
Ich denke das Kommissar hat die Frage bereits beantwortet. Tut mir leid, Dänemark. Sind sie also dafür, dagegen oder enthalten sie sich?
Dänemark:
Ich denke wir würden nicht, wir sind nicht glück ...
Irland:
Ich denke, das soll "dafür" heissen.
Dänemark:
Wir sind nicht glücklich.
Irland:
Sind sie zu 80% glücklich?
Dänemark:
Aber ... Ich denke wir ...
Irland:
Es ist nicht nötig, dass sie vollkommen glücklich sind. Niemand von uns ist vollkommen glücklich.
Dänemark:
Sicher, ich weiss das, ich weiss das.
Irland:
Wenn wir es wären, wären wir nicht hier!
Dänemark:
Ich denke, wir sind nicht sehr glücklich, aber ich denke wir würden, wir würden ...
Irland:
Vielen Dank.
Dänemark:
... wir würden gerne heute eine Löung sehen.
Irland:
Vielen Dank, Dänemark.

Meine Damen und Herren, ich freue mich, sagen zu können, dass wir eine qualifizierte Mehrheit haben, also Ihnen allen vielen, vielen Dank und Danke, Kommissar Bolkestein.

Im Vertrauen auf seine "Patent-Experten" informierte Minister Brinkhorst das Parlament mehrere Male falsch und handelte gegen Anliegen des Parlamentes. Dies hat zu scharfen Fragen des Parlaments und einem, mit vielen Stimmen der Regierungskoalition durchgesetzten, Parlamentsbeschluss geführt, dass er die Unterstützung der Niederlande zurückziehen soll. Eine von Brinkhorst's Entschuldigungen war ein "Fehler in der Textverarbeitung", ähnlich dem "kaputten Faxgerät" der Ungarn. Später gab er vor, den Parlamentsbeschluss nicht zu verstehen.
Unterstützten im Widerspruch zu den vorherigen Versprechungen der einzelnen Regierungen den Vorschlag.

Der luxemburgische Minister hatte versprochen, mit Nein zustimmen, wenn der Artikel 6a des Parlamentes, für den seine Diplomaten gekämpft hatten, nicht angenommen würde. Obwohl der Ratsentwurf in Erwägungsgrund 17 genau das Gegenteil von dem, für das Luxemburg angeblich steht, aussagt, akzeptierte der Minister den "Kompromiss".

Ähnlich sieht die Situation in Estland, Lettland und der Slowakei aus.

In Slowenien hatte die "Behörde für geistiges Eigentum" dem Informations-Ministerium versprochen, die deutschen Änderungen zu unterstützen, verwarf diese dann aber zusammen mit Deutschland.

Minister handeln gegen die Versprechungen des Präsidenten und machen Falschaussagen über das, wofür sie gestimmt hatten.

Die Minister gaben der Beharrlichkeit der "Patent-Experten" des INPI (Nationales Institut für Gewerblichen Rechtsschutz) nach, die die ganze Zeit behaupteten, dass schwarz weiss sei. Der Minister für Wissenschaft Haignère erklärte, dass der Rats-Kompromiss nur die Patentierbarkeit von technischen Erfindungen und nicht die von Bürosoftware erlauben würde, was offensichtlicher Unsinn ist.

Die Situation in der meisten Länder ist die gleiche: Den Ministern fehlt das Stehvermögen, um das Öffentliche Interesse gegen die Kombination aus Druck und den Lügen der Patentämter, die normalerweise dieses Dossier in der "(%tpWorking Party Intellectual Property|Patents") bearbeiten, durchzusetzen.

Der Rats-Entwurf geht weit über den der Kommission hinaus, indem er Programmansprüche zulässt. Auch unter allen anderen Gesichtspunkten ist es ein Vorschlag für die unbegrenzte Patentierbarkeit und uneingeschränkte Durchsetzung von Patenten, extremer und kompromissloser als alle vorherigen Entwürfe. Dennoch versuchte Bolkestein, ihn als einen zu verkaufen, der die "Ausgeglichenheit des ursprünglichen Vorschlags bewahre". Das war anscheinend genug, um Liikanen zu überzeugen.

siehe auch CEC patent officials 2004-04-28 pushing for program claims

Außerdem bemühte sich Bolkestein in der Rats-Sitzung sehr, den irreführenden Wortlaut des "Kompromiss-Textes" auszunutzen, den die deutsche Delegation so bereitwillig angenommen hatte:

Die Kommission hat ausführlich über die Möglichkeit, ob ein Computerprogramm als solches patentierbar sein kann oder sollte, beraten und hat sich dagegen entschieden. Und um dieses wirklich absolut deutlich zu mochen, möchte die Kommission zwei Änderungen in Artikel 4a mit dem Namen "Ausschluss von der Patentierbarkeit" einfügen. Die Kommission möchte einen neuen Teil 1 zu diesem Artikel 4a vorschlagen und dieser neue Teil 1 soll ganz einfach lauten: "Ein Computerprogramm als solches kann keine patentierbare Erfindung darstellen". Ich möchte das noch einmal klarstellen und alle Befürchtungen zerstreuen, dass auf irgendeine magische Weise ein Computer-Programm als solches am Ende doch noch patentierbar werden könnte; lassen Sie es mich im Sinne der Klarheit noch einmal wiederholen: "Ein Computerprogramm als solches kann keine patentierbare Erfindung darstellen".

Anhang A erklärt in der Tat die "Magie" der Kommission. Folgt man Bolkestein's Trick, so ist nur ein eng begrenzter Anspruch ein Anspruch auf ein "Programm als solches", während ein weit gefasster Anspruch, gekennzeichnet nicht durch eine besondere, einzelne Eigenschaft, sondern durch einen ziemlich undefinierten "technischen Beitrag" ein Programm "als nicht-solches" ist. Oder, wie Artikel 5(2) es ausdrückt:

Ein Anspruch auf ein Computer-Programm ... soll nicht erlaubt werden, außer [ Bedingung, die sich bei näherem Hinschauen als immer wahr entpuppt ].
One day after the Irish Council presidency achieved "political agreement" on software patents, May 19th 2004, its foreign minister Brian Cowen spoke COSAC, the assembly of national parliaments in the EU. As the Irish Presidency's webpage states:

In his address to delegates, Minister Cowen will highlight the role played by European Affairs Committees in National Parliaments in assessing and reviewing draft EU legislation and policy.

The Protocol on the Role of National Parliaments of the European Union explicitely encourages this and lays down a set of rules so as to enable national parliaments to review the decisions of the Council. These include a six week period between availability of all translations and Council decisions.

In the case of the software patent directive, only very few EU Affairs Committees of national parliaments were consulted. The parliaments of Germany and the Netherlands were kept in the dark and ignored (as e.g. MP Tauss complained, see above) and misinformed (as the Dutch Parliament explicitely stated in a resolution) by their ministeries. Most of the national patent office administrators who took the decisions in the Council's "Intellectual Property (Patents) Working Party" were able to decide on their own, disregarding the opinions of national and European consultative bodies, without giving anybody any explanation and without even their name being disclosed.

[ Was passierte am 7. März 2005 | Scheinbegrenzungen der Patentierbarkeit im Ratsentwurf | Rat 2004-05-18: Eine unqualifizierte Mehrheit | Hintergrundinformationen zur Entscheidung des Parlaments | Wie soll es weitergehen? Schritte aus der erstarrten Europäischen Softwarepatent Situation | Draft Letter to Luxemburg Head of State Concerning Software Patent Directive ]
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© 2005-04-16 Hartmut PILCH